Dörfer sterben – Schuld daran ist der Mann

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Gehen die Frauen, stirbt das Land – so heißt ein neuer Artikel (24-25) in der Kronen Zeitung. Darin ergießt sich die Weisheit – Frauen sind der Kitt, der die Dorf-Gesellschaft zusammenhält – von Frau DI Dr. Gerlind Weber, ihres Zeichens Professorin am Institut für Raumplanung und Ländliche Neuordnung an der BOKU Wien, über den Leser. Die Journalistin, Ingrid Altermann, stimmt ebenfalls mit ein in den Abgesang des konservativen, ruralen Mannes.

„Die Frauen trachten nach guter Ausbildung, Arbeitsplätzen, Wohlstand, Selbstständigkeit, Kinderbetreuung, Unterhaltung. Während die gleichaltrigen Männer viel mehr im Dorfverband verwurzelt sind“, wird die „Expertin“ zitiert. Man ist geneigt zu konkludieren: Diese „Deppen“ aber auch, wie kann man sich nur in das ländliche Kulturleben einbringen, die Infrastruktur (Freiwillige Feuerwehren etc.) erhalten wollen. Das geht gar nicht. Außerdem, so liest man weiter, sind Männer „oft“ schlechter ausgebildet als Frauen. Dumm, heterosexuell, konservativ, vom Land … Was folgt daraus? Richtig: Männlich!

Interessant ist eine weitere, sich aufdrängende Konklusion der „Expertin“. Sie meint nämlich, dass weniger Frauen auch weniger Kinder zur Folge hätten. Das würde folglich bedeuten, dass in der Stadt, wo mehr Frauen, auch mehr Kinder vorzufinden sind. Welch‘ Erkenntnis. Doch ist die unterschwellig transportierte Botschaft, das mitschwingende „gut-ausgebildete Frauen, die sich um Kinderbetreuung sorgen“ ebenfalls in sich schlüssig? Sind es denn wirklich die Akademikerinnen, die hier die „Wurst fett“ machen, wie die doofen Männer vom Land sagen oder spielen die abgewanderten Akademikerinnen, die mittlerweile zu über 40% kinderlos bleiben, letztlich auch in der Stadt keine oder nur eine untergeordnete Rolle? Ich bin geneigt, dies zu glauben. Zumal man mittlerweile davon ausgeht, zumindest als Non-Feminist, dass diese Kinderlosigkeit großteils gewollt ist. Die Soziologin Mariella Hager stellt in einer Studie fest:

Nach Reinhardt (2003: 12) wird der Anteil der Frauen, die sich bewusst gegen eigenen Nachwuchs entscheiden, immer größer. Etwa jede dritte Frau in Deutschland bleibt gewollt kinderlos, unter Akademikerinnen liegt die Rate noch höher, nämlich bei etwa 40 Prozent. All diese Frauen verbinden Selbstverwirklichung, die Suche nach der eigenen Identität und nach Glück nicht mit Mutterschaft. Ein bewusstes Leben ohne Kinder ist also unter AkademikerInnen stärker als in anderen Gesellschaftsgruppen verbreitet. Es muss vermutete werden, dass höhere Bildungsabschlüsse mit geringerer Kinderanzahl korrelieren.

Hager: Kinderwunschlos glücklich? Gewollt kinderlose Akademikerinnen. Eine qualitative empirische Studie zu Lebenssituation und Zukunftsplanung österreichischer Akademikerinnen, LIT 2006, 19.

Die Schuldfrage, wie sie sich aufdrängt, wird bei der „Expertin“ – wie immer – nicht über die Frauen, nein, sie sind ja gut-ausgebildet, sondern gänzlich über die Männer einer Lösung zugeführt. Dass gut-ausgebildete Frauen im Schnitt weniger Kinder haben, haben wollen, dass es ohne Migration keinen Bevölkerungszuwachs geben würde (Fertilitätsrate 1,41/2006) spielt scheinbar im omnipräsenten Opferkult keine Rolle, wird zeitgeistig intellektuell nicht einmal erfasst.

Ich bin froh, dass Frau Professor Weber keine „Gender-Forscherin“ ist, denn dann wären die „Lösungsvorschläge“ wohl noch rabiater. Ich denke da an Gendersensibilitätstraining am Land usw. usf. So plädiert sie u.a. „nur“ dafür, manche! Gemeinden aufzulösen.

Altermann beschließt den Artikel, indem sie auf die Betroffene!, die 28-jährige Cornelia B. verweist. Die arme Frau musste ihre Heimat verlassen, weil es ihr da zu „eng“ geworden ist. Sie, die erfolgreiche Frau, ist jetzt Flugbegleiterin und chattet nach „Paris, London und Venedig“, statt: „Mistelbach, Laa oder Hollabrunn“.

Ja, „gehen die Frauen, stirbt das Land!“

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