Über Daphne, Strategien und Gewalt

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Regina Bastos, die portugiesische Abgeordnete der Partido Social Democrata, hat zu Beginn des Jahres den Bericht über das Programm Daphne: Bilanz und Ausblicke als Entwurf einer Entschließung des Europäischen Parlaments beim Ausschuss für die Rechte der Frau und die Gleichstellung der Geschlechter eingebracht, welcher mit 29 Ja-Stimmen und einer Enthaltung angenommen wurde.

Das Daphne-Programm hat sich, nach eigenen Angaben, „als das einzige europäische Programm zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen, Kinder und Jugendliche etabliert“. Laut dem Informationsbüro, Europäisches Parlament in Österreich verfügt dieses Programm, in seiner dritten Version (Daphne III [2007-2013]) über ein Budget von nunmehr 117 Mio. Euro. Der Entschließungsantrag wurde am 02. Februar dJ mit 554 Ja- gegen 22 Nein-Stimmen bei 88 Enthaltungen angenommen.

Wenn man sich diesen Bericht zu Gemüte führt, kommt man nicht umhin, beunruhigt zu sein. Es ist nicht allein das Faktum, dass wieder einmal nur Kinder, Jugendliche und Frauen bedacht werden, es ist vielmehr die Selbstverständlichkeit, mit welcher von einer „Notwendigkeit von legislativen Maßnahmen zur Bekämpfung von geschlechtsbezogenen Gewalt [Hervorhebung von mir] auf Unionsebene, da unterschiedliche Maßnahmen und Rechtsvorschriften in den Mitgliedsstaaten Frauen nicht in gleichem Maße gegen männliche Gewalt schützen“ (Europäisches Parlament – Informationsbüro in Österreich) würden, ausgegangen wird. So entnehme ich aus Punkt J:

in der Erwägung, dass Gewalt gegen Frauen ihren Ursprung in der fortbestehenden Ungleichheit zwischen Männern und Frauen hat und ein strukturelles Phänomen ist, das mit der ungleichen Verteilung der Macht zwischen Frauen und Männern in unserer Gesellschaft zusammenhängt [Hervorhebung von mir]; …

und K:

in der Erwägung, dass die Gewalt gegen Frauen, Kinder und Jugendliche alle Arten von Menschenrechtsverletzungen umfasst, wie … Verletzung der sexuellen und reproduktiven Rechte [heißt letztlich, Recht auf Abtreibung bis zur Geburt, terminatus30], …

Bedrückendes.

Ich möchte Punkt O detailliert in Rekurs auf die Strategie für die Gleichstellung von Frauen und Männern 2010-2015 der Europäischen Kommission besprechen. In Punkt O wird folgende Behauptung aufgestellt:

in der Erwägung, dass Studien zu geschlechtsbezogener Gewalt zu der Einschätzung kommen, dass etwa ein Fünftel bis ein Viertel aller Frauen in Europa mindestens einmal in ihrem Erwachsenenleben Opfer körperlicher Gewalttaten [Hervorhebungen von mir] und mehr als ein Zehntel Opfer sexueller Gewalt unter Anwendung von Zwang waren; in der Erwägung, dass Untersuchungen auch ergeben, dass 26 % der Kinder und Jugendlichen von körperlicher Gewalt in der Kindheit berichten;

Diese Einschätzung stammt ursprünglich aus der Mitteilung der Kommission an das Europäische Parlament, den Rat, den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss und den Ausschuss der Regionen, der Strategie für die Gleichstellung von Frauen und Männern 2010-2015, von Seite 9:

Frauen erfahren unterschiedlichste Formen der Gewalt, nur weil sie Frauen sind. Dazu gehören häusliche Gewalt, sexuelle Belästigung, Vergewaltigung, sexuelle Gewalt in Konflikten sowie Bräuche, Riten und Traditionen zum Schaden von Frauen wie etwa Genitalverstümmelung, Zwangsehen und im Namen der Ehre begangene Verbrechen. Schätzungen zufolge haben 20% bis 25% aller Frauen zumindest einmal in ihrem Leben körperliche Gewalt erlitten [Hervorhebungen von mir] 21

Man sieht, aus „Schätzungen“ wird „Studien zu geschlechtsbezogener Gewalt“. Die Fußnote 21 verweist auf Europarat, Combating violence against women: Stocktaking study on the measures and actions taken in Council of Europe member states (2006) als Referenz. Diese Studie stammt von Frau Professor Hagemann-White, welche ua. für DIESES Werk verantwortlich zeichnet und in „Wir werden nicht zweigeschlechtlich geboren …“ bereits 1988 dafür argumentiert – vor Butler also – dass nicht die primären Geschlechtsmerkmale die zugeschriebene Geschlechtlichkeit bestimmen würden, sondern Geschlechtszugehörigkeit symbolisch sei und dargestellt werden müsse. Glücke eine solche Darstellung, werde die Existenz entsprechender Genitalien unterstellt. Mir stellt sich sogleich die Frage nach der Materialität von Symbolen. Soviel zur Autorin.

In Combating violence against women kommen folgende, oben unterstellte Behauptungen allerdings nicht in der Weise vor. Auf Seite sieben finden wir:

Since 1995, member states have increasingly commissioned largescale surveys to measure the extent of violence against women; at least sixteen such studies are currently available.2 In addition to these national household surveys, the extent of victimisation has also been studied within the health-care system, where the percentage of women with a background of violence is usually higher than in the general population, regardless of the reason for seeking health care. The figures for prevalence, that is the proportion of women in the general population who have experienced acts of violence, vary by methodology, but an overview suggests that across countries, one-fifth to one-quarter of all women have experienced physical violence at least once during their adult lives [Hervorhebung von mir], and more than one-tenth have suffered sexual violence3 involving the use of force.

Die Zahlen bezüglich Frauen in der Bevölkerung, welche „acts of violence“ erlebt haben, variieren je nach Methodologie ABER ein ÜBERBLICK würde SUGGERIEREN, dass durch die Länder hinweg, von einem Fünftel bis zu einem Viertel aller Frauen physische Gewalt, wenigstens einmal während ihres Erwachsenen-Lebens erfahren würden. Nichts Genaues weiß man letztlich also nicht. Wir haben einige Studien (unter Fußnote 2), keine für Österreich! – diese Studien werde ich ev. noch eruieren – und unter Fußnote 3 noch die nächste Relativierung, die da lautet:

Definitions of sexual violence vary more widely; the narrowest definitions restricted to rape or forced sexual acts only (excluding attempted rape) tend to identify about 4% to 5% prevalence.

Der Gewaltbegriff ist also ein weiter und die toleranteste Definition, eingeschränkt auf Vergewaltigung und sexuelle Nötigung tendiert auf eine Rate von „nur“ rund 4 bis 5%. Im Vergleich dazu stellt Kavemann fest, dass laut den Ergebnissen der Untersuchung Gewalt gegen Männer in Deutschland rund 5% der Männer durch Angriffe ihrer Partnerinnen verletzt wurden (Cf., Kinder und Jugendliche gegen häusliche Gewalt). Von „psychischer“ Gewalt in einer Partnerschaft wollen wir erst gar nicht sprechen.

Macht das Männer zu Opfern? Nein, natürlich nicht. Das führt auch nicht zu zentralistischen, Top/down, dem unwissenden Volk implementierten Gleichstellungsstrategien, wie der oben erwähnten.

Ich habe es zwar schon oft geschrieben, trotzdem: Brave, New World!!!

4 Kommentare zu „Über Daphne, Strategien und Gewalt

    Clochard sagte:
    Februar 7, 2012 um 7:50 am

    Gut recherchiert !

      terminatus30 geantwortet:
      Februar 7, 2012 um 8:58 am

      Es ist unfassbar, was für ein Lügenmoloch in Brüssel vorzufinden ist. Ein reiner Lobbyismusverein, welcher über Gutachten, Studien eigener „Wissenschafter“ an die Millionen der Steuerzahler kommen will und gleichzeitig verquere Vorstellungen allen Europäern überzustülpen sucht.

        Clochard sagte:
        Februar 9, 2012 um 7:29 am

        Ja, du hast absolut recht. Für eine politische Lösung des Problems heisst es eigentlich raus aus der EU und raus aus der UNO (oder zumindest CEDAW aufkündigen).
        Traurig aber wahr.

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