Voltaire, immer wieder Voltaire

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Es ist nun schon wieder ein paar? Jahre her, seitdem ich, dumm wie ich war, auf ORF2 eine Diskussionsrunde „konsumierte“. Ich will gar nicht lange auf das Thema eingehen. Es ging dabei um die Angemessenheit eines Kunstprojektes, welches u.a. abends und in der Nacht, in einem angesehenen Museum in Wien ein Swingerambiente anbot und zum mitmachen animierte. Mir geht es hier keineswegs um irgendwelche „Sex“-diskussionen, mir geht es nur um das Argument, welches ich vom Kulturstadtrat der SPÖ, Mailath-Pokorny zu vernehmen glaubte. Er warf damals, so weit ich mich erinnere, der freiheitlichen Mitdiskutantin sinngemäß vor, intolerant zu sein und nicht nach dem Voltair’schen Motto zu leben, „Ich missbillige, was du sagst, aber würde bis auf den Tod dein Recht verteidigen, es zu sagen“, was vor allem für die Kunst und deren Ausdruck Gültigkeit besitze.

So habe ich die Aussage im Kopf, welche ich damals schon ablehnte.

In letzter Zeit hörte ich öfters ähnliche Äußerungen von feministischer Seite. Die Männerrechtler wären intolerant, könnten andere Meinungen nicht ertragen und würden somit hinter die Aufklärung und ihr Leitprinzip zurückfallen.

Ich möchte nun ein wenig Licht hinter diesen Voltäire zugeschriebenen Spruch bringen.

Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.

Zunächst bleibt festzuhalten, dass dieser Ausspruch nicht aus der Feder Voltaires stammt und somit auch kein Zitat ist. Dieser Ausspruch stammt aus der Feder von Tallentyre und ist in dem Buch The Friends of Voltaire, erschienen 1906, auf Seite 199 zu finden.

Dort ist zu lesen:

What the book could never have done for itself, or for its author, persecution did for them both. ‚On the Mind‘ became not the success of a season, but one of the most famous books of the century. The men who had hated it, and had not particularly loved Helvétius, flocked round him now. Voltaire forgave him all injuries, intentional or unintentional. ‚What a fuss about an omelette!‘ he had exclaimed when he heard of the burning. How abominably unjust to persecute a man for such an airy trifle as that!

‚I disapprove of what you say, but I will defend to the death your right to say it,‘ was his attitude now. But he soon came, as a Voltaire would come, to swearing that there was no more materialism in ‚On the Mind‘ than in Locke, and a thousand more daring things in ‚The Spirit of Laws.‘

Der Autor umschreibt eine Haltung, welche er Voltaire zuschreibt, mit Worten, mehr ist das nicht.

Ein wenig Hintergrundwissen: In dem Abschnitt ging es darum, dass Helvétius, ein im Nachhinein als Hauptvertreter des französischen Materialismus und Sensualismus im 18 Jh angesehener Zeigenosse Voltaires, ein Buch unter dem Titel „De l’esprit“ (On the Mind) veröffentlicht hatte. In diesem Buch versuchte er eine Grundlegung einer materialistischen Ethik zu entwickeln, „eine Wissenschaft vom Menschen auszuarbeiten, die die Gesetze des menschlichen Verhaltens bzw. die sozialen Verhältnisse, in denen der Mensch lebt, im Sinne des analytischen Geistes der Philosophie Lockes erforschen sollte.“(Mezzanzanica: De l’esprit, in: Volpi [Hg.]: Großes Werklexikon der Philosophie, Bd. 1: A bis K, 671). Er sparte in diesem „reduktionistischen Programm“ auch unter anderem nicht mit „Kritik an Papsttum und Jesuitismus“ (vgl. Röd: Geschichte der Philosophie, Bd. VIII: Die Philosophie der Neuzeit 2. Von Newton bis Rousseau, 218). Worauf er seine Stelle verlor und sein Buch zu guter Letzt, noch im Erscheinungsjahr, auf Befehl des Parlaments öffentlich verbrannt wurde. Dies erregte nun die Gemüter und diese Erregung und Missbilligung der „persecution“ und des „burning“, veranlasste wohl auch seine Gegner sich hinter ihn zu stellen. In der Interpretation von Tallentyre wurde dann obiger Leitsatz daraus, welcher im nächsten Satz, auf Voltaire selbst bezogen schon wieder relativiert wurde.

Was hat ein solcher Ausspruch nun für eine Relevanz? Warum sollte man ihm eine Realität zuschreiben, die es vermutlich niemals gab?

Meines Erachtens hat dieser Ausspruch wenig Relevanz und sollte, moralisch betrachtet auch kein verallgemeinerndes, totalitäres Gewicht haben. Seine Meinung vertreten konnte man zu allen Zeiten, wenn man gewillt war, die Konsequenzen dafür zu tragen. Darum scheint es also nicht zu gehen. Der springende Punkt ist, seine Meinung in die breite Masse zu tragen, damit eine (politische, kulturelle, philosophische) Veränderung herbeiführen zu können, sprich, in das Leben anderer, welche diese Meinung nicht teilen, eingreifen zu können.

Hier ist nun die Frage, ob ich, auf den Maskulismus bezogen, die Möglichkeit des öffentlichen! Kundtuns feministischer Standpunkte, welche meinem Standpunkt diametral entgegengesetzt sind, sogar mit meinem Leben verteidigen sollte?

Schlüsseln wir die Frage und deren Beantwortung auf:

Vorannahme:
– Es geht nicht darum, seine Meinung äußern zu dürfen, es geht darum, diese in den Diskurs einbringen zu können, öffentlich-wirksam einbringen zu können um ein Ziel zu erreichen.

1. Gehen wir in einem Idealzustand davon aus, dass Feministinnen denselben Zugang zur Öffentlichkeit haben wie eine jede Einzelperson und nur Meinungen vertreten welche mich nicht direkt in meiner Lebensweise tangieren (indirekter Widerspruch zur Vorannahme), dann und nur dann wäre es logisch das Recht auf die Äußerung dieser Meinungen, insofern sie in einen Diskurs eingebracht würden, im Hinblick darauf, dass dies verallgemeinernd vorausgesetzt werden kann, reziprok zu verteidigen, nicht jedoch mit dem Leben, denn wenn das handelnde Subjekt nicht mehr ist, ist auch die Reziprozität nicht mehr gegeben. Ich würde damit ab einem bestimmten Zeitpunkt meine Mitstreiter schwächen.

In diesem Falle ist die Antwort: JA ohne Lebenseinsatz.

2. Nun gibt, gab es und kann es in keiner Gesellschaft je einen Idealzustand geben. Nicht umsonst sprechen wir diesbezüglich von Utopien, von „Urzustands-Theoremen“ (vgl. Rawls: Eine Theorie der Gerechtigkeit, Kapitel 3). In der Zeit, in welcher wir leben ist aus verschiedenen Gründen nicht davon auszugehen, dass erstens ein gleichwertiger Zugang einzelner Bürger zur Öffentlichkeit besteht, wie dieser dem herrschenden Zeitgeist, dem Gleichstellungsfeminismus obliegt, zweitens selbst wenn ein solcher Zugang zur Öffentlichkeit gegeben wäre, wäre, über den ‚Manufactured Consent‘ die Möglichkeit auf eine gleichwertige Verbreitung der eigenen Anschuungen nicht gegeben und drittens hat das Gesetz der Reziprozität in einer politisch korrekten Gesellschaft keine Gültigkeit in Bezug auf den Maskulismus.

Das heißt, am Beispiel des Maskulismus verdeutlicht, in diesem Realfall: NEIN, überhaupt nicht!

Die Frage, die im Raum steht, ist jene, ob man in einer Gesellschaft, in welcher man realiter keine Möglichkeit hat, seine eigenen Anschauungen in den Diskurs einzubringen, noch an den Konsens gebunden ist, sich an Gesetze halten zu müssen, auch wenn sie einen subjektiv schlechter stellen oder ob man das Recht hat, auto-nom zu entscheiden. Eine interessante Frage, deren Erörterung lohnen würde.

Ein Kommentar zu „Voltaire, immer wieder Voltaire

    […] habe in Voltaire, immer wieder Voltaire abschließend die Frage nach der Legitimation von Recht und damit einhergehend von Macht über […]

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