Eine Schullaufbahn

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Nachstehendes Interview wurde nicht geführt, es ist fiktiv. Trotzdem stellt es eine mögliche, eine statistisch betrachtet sich sehr wahrscheinlich bereits in Österreich so oder so ähnlich ereignete, Schullaufbahn eines Jungen dar.

Interviewer [=Int.]: Ich freue mich Markus, dass du dich an uns gewandt hast um uns ein wenig über dich und deine Schullaufbahn zu erzählen.

Markus: Kein Thema.

Int.: Ich würde sagen, dann lass uns beginnen. Vielleicht erzählst du uns ein wenig über dein Umfeld, deine Familie bevor wir mit Kindergarten und Volksschule fortfahren.

Markus: Na ja, da gibt es eigentlich nicht viel zu erzählen. Ich bin 93 im Sommer geboren. Meine Mutter war alleinerziehend, mein Vater ist, meiner Mutter zufolge „ein unverantwortliches Schwein“ gewesen, welches „abgehaun“ ist. Damit hatte sich die Diskussion um meinen Vater erledigt. Ich bin dann die ersten Jahre mehr oder weniger bei meiner Großmutter großgeworden. Mein Großvater war bereits gestorben. Onkel und Tanten habe ich auch keine. Meine Mutter musste arbeiten. Viele Fraun wenig Männer also.

Int.: Entschuldige, wenn ich nachfrage aber war da nie das Interesse da, deinen Vater kennenzulernen?

Markus: Sicher aber ich wollte meine Mutter nicht vergraulen. Ich werde jetzt dann bald einmal versuchen ihn ausfindig zu machen. Es gibt ja immer auch eine gegenteilige Meinung.

Int.: Gut, wie ging es dann weiter.

Markus: Na ja, 97 kam ich in den Kindergarten. Die zwei Tanten waren nett. Nur nicht zu viel rumtollen, das ging überhaupt nicht. Vielleicht sollte ich dazu sagen, dass wir damals noch am Land lebten.

Int.: „Noch“ – seid ihr dann umgezogen.

Markus: Ja, der Umzug fand kurz vor meiner Einschulung statt. Meine Oma starb damals und wir zogen in eine Kleinstadt um.

Int.: Wie war die Zeit in der Volksschule? Gab es keine Lehrer?

Markus: Nein. Wir hatten zwei Lehrerinnen – mit der Religionslehrerin waren es drei. Immer nur Frauen, Frauen, Frauen und stillsitzen.

Int.: Hattest du wenigstens in deinem Umfeld männliche Bezugspersonen, wie beispielsweise Freunde deiner Mutter.

Markus: Ich glaube schon, dass meine Mutter damals „Freunde“ hatte, nach Hause hat sie sie damals aber noch nicht mitgebracht. Vielleicht hatte sie ein schlechtes Gewissen; ich weiß es nicht, es ist mir auch egal. Außerdem hatte ich ja das Fernsehen und Freunde, die ich ab und zu besuchen konnte. Simon’s Vater ist Sportlehrer an ’nem Gymnasium, läuft Marathon. Da habe ich mir, wenn ich ehrlich bin schon des Öfteren gedacht: So einen Vater hätte ich auch gern. But that’s life.

Int.: Wer ist Simon?

Markus: Ja, who the fuck is Simon. Er ist einer meiner ältesten Schulfreunde. Er ist seit September beim BH.

Int.: Und wie entwickelte sich dann dein schulisches Leben weiter?

Markus: 2002 im Herbst kam ich in die Hauptschule. Gym wollte ich nicht, obwohl ich ziemlich gut in der Schule war und bin.

Int.: Gab es da männliches Lehrpersonal?

Markus: Natürlich. Die meisten waren allerdings schon um die 50, die Neuen überwiegend weiblich, was ja kein Nachteil ist, wenn Sie verstehen!

Int.: Ja, ich verstehe. Hattest du in den vier Jahren keinen Lehrer im Regelunterricht, was war mit Sport?

Markus: Na ja, Aushilfslehrer schon. Im Regelunterricht nicht. Die naturwissenschaftlichen Fächer für die oberen Klassen übernahmen die Lehrer, für die unteren Klassen die neue Lehrerin. Zum Sport, was soll ich sagen: Ich habe schon lange Asthma, daher ist das kein Thema für mich. Sportlehrer gab es natürlich auch. So generell für meine damalige Schule würde ich sagen, dass sicher zwei von drei Lehrern Frauen waren.

Int.: In Ordnung. Wann kamst du an deine jetzige Schule?

Markus: Das war im September 2006. Überall nur Lehrerinnen wo man hinsieht. Klassenvorstand eine Frau, noch dazu Mathe- und Physikprof. Auch bei den Kollegen in der Klasse überwiegen Frauen. Wir sind zu 25igst, davon nur 7 Männer. Dafür bin ich nie lange Single. He he.

Int.: Das klingt ja nach einer weiblichen Übermacht.

Markus: Na ja, selber schuld. Hätte ich mich in der dritten gegen den Sprachenzweig und für den Informatikzweig entschieden, dann wäre das Bild, wie in der Parallelklasse, ein umgekehrtes. Da gibt es dann auch wieder Lehrer 🙂 Ich glaube, wenn man immer nur von quakenden Frauen umgeben ist, dann entwickelt man zwangsläufig ein gewisses Interesse für Sprachen. Das wird wohl mit ein Grund dafür gewesen sein, warum ich hier und nicht in der Nebenklasse sitze.

Int.: Das heißt, dass du auch in den letzten fünf Jahren keinen Lehrer im Regelunterricht gehabt hast?

Markus: Ja das heißt es wohl. Ich hatte Aushilfslehrer und hätte jetzt die letzten zwei Jahre einen Religionslehrer gehabt. Da ich allerdings Atheist bin und mich abgemeldet habe, ist das nicht relevant. Für den Sportunterricht bin ich freigestellt. Da bleibt nicht mehr viel übrig. Die Sprachen an unserer Schule sind fest in Frauenhand. Es gibt zwar auch BWL und RW-Lehrer, Mathe-, Physiklehrer usw. aber eben nicht in meiner jetzigen und den damaligen Jahrgangsstufe(n). Außerdem ist mein KV auch unser Mathe-Prof. Ich hoffe nur, dass wenigstens der Vorsitzende bei meiner Matura im nächsten Jahr ein Mann sein wird. Das erste Mal eine männliche Autoritätsperson beim BH zu erleben, wäre schon ein wenig strange. Na ja, Autoritätsperson und BH ist wohl ein Widerspruch in sich und zudem gibts ja auch schon Wachtmeisterinnen oder?

Int.: Ja die gibt es. Magst du uns abschließend schildern, wie es für dich war ohne Vater aufzuwachsen und keine männliche Lehrperson in der Schule zu erleben? Wie war das Klassenklima?

Markus: Hm. Wie wird es wohl gewesen sein? Scheiße. Natürlich hätte ich gerne einen Vater gehabt, der mir alles gezeigt hätte. Das geht einem schon ab. Ich hatte immer gute Freunde. Das ist wichtig. Außerdem gibt es ja das Internet. Ich mag Strategiespiele. Zur Schule, was will ich sagen. Ich bin ja noch mitten drin, statt nur dabei. Es ist halt immer alles Friede-Freude-Eierkuchen. Repetition ist wichtiger als Fragen stellen. Früher sollten wir immer sein wie die Mädls und heute kommt es mir manchmal vor, als wären wir bei einem Kaffeekränzchen. Auch der ganze Gendermist, dem wir mittlerweile ausgesetzt sind, kotzt mich an. Schon dreimal gab’s Vorträge in der Aula. Wer glaubt denn so einen Scheiß, dass Frauen und Mädchen nur unterdrückt worden sind. Ich sicher nicht. Die kriegen eh immer die besseren Noten und werden gehätschelt und getätschelt.

Int.: Interessant, dass du das Thema Gender ansprichst. Wie nehmen deine Kollegen solche Vorträge wahr, ein solches Klima auf?

Markus: Manche glauben wirklich, dass wir Männer an allem Schuld sind und machen sich schon irgendwie Vorwürfe; entschuldigen sich quasi fortwährend für ihr Dasein. Ich nicht, ich musste schon früh meinen Mann stehen. Ich bin kein Weichei. Mit mir sicher nicht.

Int.: Noch eine Frage. In welcher Reihe sitzt du?

Markus: Na ja, wir – die Männer – sitzen in der letzten Reihe, sind ja keine Streber. Lass die mal schön ihren öden Frontalunterricht machen, wir bringen uns das, was wir brauchen schon selber bei, ansonsten hilft das Internet weiter.

Int.: Markus, ich danke dir für das offene Gespräch.

Markus: Ich euch auch.

Maturanten sind immer noch herzlich eingeladen sich bei mir zu melden: termi30@hushmail.com (siehe About / Kontakt)

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