Tag: Oktober 26, 2011

Matriarchale Utopie

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Von Feministinnen und Pudeln jeglicher Couleur wird immer wieder die Behauptung aufgeworfen, dass wir – auch die Männer – in einem idealen Matriarchat weit besser, natürlicher und gesünder leben könnten als wir es im Hier und Jetzt, in der „patriarchal, heteronormativen Zwangsjacke“ können und tun. Als Beleg werden noch vorhandene matrilineare Gesellschaften präsentiert, deren Überlegenheit meist aus einer kleinen Anzahl von Indices, wie u.a. der Mordrate abzuleiten gesucht wird. Der Wunsch, unsere globalisierte, westliche Kultur in eine solch‘ matriarchale zu verwandeln kann als utopischer gedeutet werden.

Wie unterscheiden sich nun aber diese Utopien von anderen? Sind wir Menschen denn wirklich nur in einem Matriarchat freie, glückliche Menschen?

1623 wurde Civitas solis Idea republicae philosophiae (Der Sonnensaat oder Idee einer philosophischen Republik) von Tommaso Campanella veröffentlicht. Es handelt sich hierbei um ein utopisch-politisches Werk in platonischer Tradition, angelehnt an Morus‘ Utopia (Cf., Großes Werklexikon der Philosophie, Bd. 1, 260).

Inhalt

Das Werk beginnt mit der geographischen Lokalisierung des Sonnenstaates, der Beschreibung seiner Architektur und des politischen Systems sowie der Eigentumsverhältnisse und des Erziehungswesens. Dann folgt die Darlegung der Wohn- und Arbeitsverhältnisse sowie der Beziehungen zwischen den Geschlechtern und der Kinderpflege. Ferner wird der Leser über das Kriegs- und Gerichtswesen sowie über die wichtigsten Merkmale der Wirtschaft informiert. Nach einem Exkurs über die Schiffahrt, das Verhältnis zu anderen Völkern, den astrologischne Glauben und die Ernährung der Sonnenstaatler thematisiert Campanella deren reglementierten Tagesablauf und ihre Gesundheitspflege, um dann erneut auf Institutionen des politischen Systems zurückzukommen, nämlich die Volksversammlung, den Senat und die Regierung. Im letzten Teil wird die Religion der Sonnenstaatler und noch einmal die Bedeutung erläutert, die die Astrologie für sie hat.

Saage: Tommaso Campanella, in: Stammen et al. (Hg.): Hauptwerke der politischen Theorie, Stuttgart: Kröner 1997, 91f.

Es handelt sich hierbei um ein antiindividualistisches Werk, welches oftmals von entsprechender Seite aus als „Vorläufer des Sozialismus'“ betrachtet wird. Er, Campanella, träumt von einer vollkommen homogenisierten „kommunistischen“ Gesellschaft, deren Ausgangspunkt die „mütterliche Liebe zur Gemeinschaft“ ist. „Die Auslöschung des Individuellen“, schreibt Saage, „prägt auch die äußere Phänomenologie des Sozialverhaltens der Sonnenstaatler. Männer und Frauen tragen fast dieselbe Kleidung. Selbst die Frisuren und Kopfbedeckungen sind einheitlich.“(92).

Campanella schreibt im übersetzten Original:

Auf der Haut tragen sie ein weißes Hemd, darüber ein Kleid, das zugleich Rock und Hose, faltenlos und von den Schultern bis zu den Schienbeinen geschlitzt ist und ebenso vom Nabel um die Hüften bis zum Gesäß; hier wird der Schlitz mit Knöpfen, dort mit Bändern geschlossen. Die Hosenbeine gehen bis zu den Knöcheln hinunter … Alle tragen weiße Kleider, die jeden Monat einmal mit Lauge oder mit Seife gewaschen werden.

Campanella: Der Sonnenstaat, 12.: Bekleidung und Hygiene, zit. nach: Heinisch (Hg.): Der utopische Staat. Morus: Utopia, Campanella: Sonnenstaat, Bacon: Neu-Atlantis, Reinbek: Rowohlt 2001, 130

Diese Auslöschung des Individuellen auf Basis des Hinweises‘ auf eine bessere Welt, eine matriarchale Welt, eine gleichgestellte Welt, kennen wir Männerrechtler doch von irgendwoher – oder? Jedenfalls lässt sich festhalten, dass auch diese Welt kein „Ponyhof“ ist. Der kapitalistische Wettbewerb wird durch einen Wettbewerb um Anerkennung ersetzt. Die Durchstrukturierung des Zusammenlebens durch die Obrigkeit macht selbst vor der Sexualität nicht halt. Die Obrigkeit, die mit Macht besetzte politische Institution, ist die Regierung, welche sich aus vier Würdenträgern (Sol, Pon, Sin und Mor) unter dem Vorsitz von Sol zusammensetzt. Ihre Macht ist umfassend, der Kompetenzbereich Sols „allumfassend“. Er ist ein auf Nachrichtendienste gestützter Diktator.

Dieser ist Oberhaupt aller in welchtlichen und geistlichen Dingen, und alle Geschäfte und Streitigkeiten werden durch sein Urteil entschieden.

Ibid., 3.: Die obersten Behörden, 119f.

Wie wir gesehen haben stellt sich auch für die beste Gesellschaft letztlich die Frage nach der Macht. Selbst in einem Matriarchat wird und muss eine solche Frage gestellt werden. Was würde mit den 99% der Männer geschehen, welche nicht in einem solchen Matriarchat leben wollten, nicht umgegendert werden woll(t)en?

Ich kann mich hier nur Heinisch anschließen, der da schreibt:

Daß dieser „Sol“ oder „Princeps“ für seine Person aus Selbstzucht, Einsicht oder väterlicher Liebe – wie der „gute Herrscher“ CICERO – oder aber aus der Fülle der Macht, von der er gesättigt ist, selbst auf ihre zweckwidrige oder gar selbstsüchtige Anwendung verzichten wird oder kann, mag immerhin zugestanden werden; daß er jedoch das gleiche Recht allen anderen versagt oder, wie Campanella es wünscht, erst überhaupt nicht zum Bewußtsein kommen lassen will, ist in letzer Konsequenz machtpolitisch und weder kommunistisch noch sozial. Hier also liegt der alte, offenbar nicht zu umgehende Zwiespalt der menschlichen Natur offen zutage. Entweder gibt es eine menschliche Freiheit – dann müssen alle daran Anteil haben; oder es gibt keine – dann hat auch keiner ein Recht auf sie.

Heinisch: Zum Verständnis der Werke, in: Heinisch (Hg.): Der utopische Staat. Morus: Utopia, Campanella: Sonnenstaat, Bacon: Neu-Atlantis, Reinbek: Rowohlt 2001, 241f.

Sogesehen bleibt die Utopie eines Matriarchats hoffentlich nur eine Utopie. Eine Umsetzung jedenfalls würde geradewegs in den Totalitarismus führen. Der Anteil ALLER an der Freiheit ist die Gleichberechtigung, der ANTEIL Weniger an der Freiheit ist die Gleichstellung. Gibt es eine menschliche! Freiheit, dann ist die Gleichstellung insich falsch, gibt es keine, ist sie – die menschliche! Freiheit – nur ein sprachpolitisches Konstrukt zur Unterstützung machtpolitischer Interessen.

Ich erinnere mich noch: „All animals are equal but some animals …“ – aber das ist eine andere Geschichte.